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[Ars Sacra]
| 15. Juli 2004 - 04:33:41 NM |
| Religionssoziologische Stichworte zum Heiligen |
(Prof. Friedhelm Kröll, Religionssoziologe)
- Auszug aus der Eröffnungsrede am 17. Juli 2004 -
Ars Sacra Religionssoziologische Stichworte zum Heiligen
Nie ist das Heilige Privatangelegenheit gewesen, wie es in einer entzauberten, profanen Welt den Anschein haben mag. Im archaischen Ursprung wohnt das Heilige inmitten des Lebenskosmos. Die Idee der Transzendenz ist jüngeren, zumal christlichen Datums. Spät erst verflicht sich das Heilige mit Götter- und Gottesvorstellungen. Der Einzelne ist sterblich, die Gruppe ewig – das ist die archaische Grunderfahrung. Ihr entspringt das Heilige. In der Moderne revitalisiert in der Mythologie der Nation (“Ewiges Deutschland”) oder in der Mythologie der Stätten (“Heiliger Rasen von Wimbledon”). Gerade weil das Heilige in der Übermacht des Kollektivs eingründet, eben diesem einwohnt, werden seit altersher Maßnahmen getroffen, das Heilige vom Profanen durch Auszeichnung zu trennen. Übertretungen werden unter Sanktion gestellt. Sanktion, sanctus: die Strafe selbst gehört der heiligen Sphäre an. Getrennt wird das Heilige vom Profanen sowohl im Hinblick auf die soziale Zeit, Feste als Heilige Zeit, als auch in Bezug auf den sozialen Raum, Aura als Heiliger Bezirk. Profanus ist der, der nicht in die Sphäre des Heiligen eingeweiht, dort nicht zugelassen ist. Profanum: Schwellenbezirk vor dem Heiligtum. Im Fan ist das Heilige zum innerweltlichen Glaubenseifer trivialisiert.
Der Tod ist gewöhnlich, das Heilige außergewöhnlich. Das Außergewöhnliche des Heiligen gründet im Unveränderlichen, das Vergehend-Einzelne Überdauernde. Es ist das Leben über den Tod des Einzelnen hinaus, verkörpert im Kollektiv, das im Heiligen, in gemessener, auratischer Distanz, sich anschaut, sich seiner inne wird. Dem Statuarischen werden Statuten und Statuen gewidmet. Denn jenes Anschauen des Heiligen ist, tabuistischer Ethik entsprechend, streng geregelt. Es wird ritualisiert in Positiven Kulten, die, nach Maßgabe fixierter Ordnungen des Respekts (“Das Allerheiligste”), im wesentlichen um die Zelebration des Opfers (“Sacrificium”) zentriert sind. Das Opfer ist zuinnerst dem (Über )Leben des Kollektivs geweiht. Das Anschauen des Heiligen wird desweiteren ritualisiert in Negativen Kulten, die gruppiert sind, in hierarchischer Abstufung, um das Tabu, weshalb hier die asketischen Riten dominieren, im Unterschied zum Opfer-Kult, dem vorwiegend orgiastische Züge anhaften. Eingewoben und überwölbt ist das Ganze in Gestalt einer symbolischen Welt, an deren Durcharbeitung und Ausmalung früh schon die Künste, zunächst Magische Künste, partizipieren. Tabu und Heiligkeit bilden einen unauflöslichen Zusammenhang, den nicht erst die poetische Sakrileg-Praxis des Marquis de Sade erkannt hat. Tabuistisch garantierte Ethik, kultisch überhöht, spiegelt die verbotenen Zonen (“Verbotene Stadt”). Verbotene Zonen sind jene, die dem Kollektiv heilig, fundamental, problematisch sind. In Sonderheit die Quellen des Lebens der Gruppe: die Sexualität (“Geheimnis des Lebens”). Tabuistische Ethik trennt im Lebenskosmos das Heilige vom Profanen, wie sie zugleich die Regeln der Vermeidung und die der Übertragung der Energie des Heiligen bestimmt. Noch das nacharchaische lateinische Wort sacer zeugt von der ursprünglichen Doppelbedeutung des Heiligen; je nach Perspektive geweiht, heilig oder verwünscht, verflucht. Letzteres hörbar noch bis heute in den Fluchsprüchen des Alltags (“Sakredi” usf.). Weil das Heilige, als Ausdruck der Kraft des Kollektivs, außergewöhnlich und überindividuell energetisch geladen ist, bedarf es Vorsichts- und Vorsorgemaßnahmen im Umgang mit ihm, um Gefahren illegitimer Annäherung aus dem Weg zu gehen. Es handelt sich um soziale und symbolische Regulationen namentlich für die Sinne: Auge, Ohr, Hand. Mitgeliefert sind damit stets Präskriptionen für das, was der Künstler darf und was nicht. Grenzen der Enthüllung. Verletzung des Schonraumes des Heiligen durch die einzelmenschlichen Organe gelten als Frevel, Tabuverletzung. Zumeist ist die Überschreitung der Distanz ein todeswürdiges Verbrechen. Der Umgang mit dem Heiligen, der Sphäre von Energie und Kraft, ist kodiert als Geheimlehre, d.h. als Heiliges Wissen bzw. Wissen vom Geheimnis. Die Magier, legitimiert durchs Charisma, erscheinen als legitime Verwalter der Heil- und Heiligtümer. Sie sind ins Wissen um das Geheimnis eingeweiht, dessen Nervpunkt das Wissen um die innerste Ambivalenz des Heiligen ist: Heil bei erleuchtetem, Unheil bei unwissendem oder frevlerischem Umgang. Erst allmählich lösen sich Kunst und Künstler, legitimiert durch Begabung, aus der magischen Kunst heraus, verselbständigen sich die Künste als Praxis des Scheins (“Ästhetik”); lange noch limitiert durch die Maßgaben der tabuistischen Ethik. Das Schicksal der Künste im Okzident zumal: Von der Symbolik des Zaubers zum Organon der Entzauberung, ohne daß die Kunst, bei Strafe ihres Endes, je ihren Ursprung in der Idee des Heiligen, ihre Quelle in der Magie, vollständig tilgen könnte. Kunst ohne Mysterium? Scheinlose Trivialität. Noch wo sie gegen das Heilige revoltiert, zehrt die Kunst davon, auf der Schwelle zwischen Aura und Frevel.
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